Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin

Rückblick/Ausblick:

 

Zukunft

   

Zukünftiger Standort I: Ägyptisches Museum und Papyrussammlung im Neuen Museum 2009

"Ce sont là des exemples que nous n'imiterons pas" urteilte Emanuel de Rougé, der Direktor des Département des Antiquités égyptiennes du Louvre, über seinen Besuch in der gerade eröffneten Ägyptischen Abtheilung des Neuen Museums. Ihn störten die Dominanz und die grelle Farbigkeit der ägyptisierenden Wandmalereien, die Vermischung von Originalen und Repliken, die Verfremdung von Fragmenten durch Gipsergänzungen. Wenn die Programmatik der Erstpräsentation in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch für die Konzipierung der Ausstellung im wieder aufgebauten Neuen Museum nicht als nachahmenswertes Beispiel gedient hat, so sind zu de Rougés Plädoyer für die Authentizität der Originale gewichtige weitere Grundsatzentscheidungen hinzugekommen.
   
Archäologische Promenade
Die bereits vor der Wiedervereinigung der Museen entwickelte Idee einer architektonischen und inhaltlichen Verknüpfung der Häuser der Museumsinsel fand als wesentliches Strukturelement Eingang in den Masterplan Museumsinsel. Themen von genereller Relevanz werden aus der Sicht verschiedener Kulturen in einem multidisziplinären Ansatz im Medium musealer Präsentation erfahrbar gemacht. Architektonische Voraussetzungen für eine begehbare Verbindung der Häuser sind in der tiefer gelegten Südkuppel des Bodemuseums und in den Räumen der Ebene -0 am Nord- und Südende der Längsachse des Neuen Museums geschaffen worden, so dass die Anbindung des Pergamonmuseums und des Alten Museums mit geringem Aufwand hergestellt werden kann.
Im Neuen Museum ist die Archäologische Promenade bereits Realität. Altägyptische, römische und frühchristliche Sarkophage, ein Steinplattengrab aus Helgoland und eine vierzig Meter lange Folge illuminierter Papyri aus Ägypten fügen sich im ehemaligen Ägyptischen Hof zum Thema "Jenseits und Ewigkeit". Über "Zeit und Geschichte" berichten Zeitmeßgeräte, astronomische Instrumente, Königslisten, datierte Inschriften verschiedener antiker Kulturen. Kumanische Statuen, assyrische Reliefs, ein Bildzyklus aus einem altägyptischen Pyramidentempel, die monumentale Zeus-Statue aus Magnesia, der bauzeitliche Schievelbein-Fries und Richard Longs "Berlin Circle" schildern im Griechischen Hof Aspekte der "Weltordnung". Im Raum "Gott und Götter" versammeln sich Bildwerke der römischen Antike, des Hinduismus, des Islam und des Christentums sowie Zeugnisse der Religionen Altamerikas und Afrikas um einen leeren altägyptischen Götterschrein. Neun Häuser der Staatlichen Museen zu Berlin haben zur Realisierung dieser Abfolge von Themenräumen beigetragen, die als Achse das ganze Neue Museum auf der Ebene 0 durchziehen.
 
Die ganze Antike
Das Ausstellungskonzept des Neuen Museums ist Bestandteil der Gesamtidee Museumsinsel als Zentrum der antiken Kulturen. Die Rückführung des Museums für Vor- und Frühgeschichte auf die Museumsinsel und seine Integrierung in das Neue Museum sind daher eine wesentliche Planungsvorgabe gewesen. Das Sammlungs- und Forschungsprofil dieses Museums schließt Troja, Zypern und die römischen Provinzen ein, so dass die Antikensammlung einen wichtigen Beitrag zur Objektauswahl beisteuern kann. Wie bei der Realisierung der Archäologischen Promenade ist auch hier die uneingeschränkte Bereitschaft der Museen zur Kooperation die entscheidende Voraussetzung für das Gelingen einer Idee gewesen, die institutionelle Partikularismen überwindet.
Zugunsten der thematischen Breite, die geographisch von Nordostafrika bis Skandinavien, vom Iran bis zur iberischen Halbinsel reicht und historisch die Zeitspanne vom Paläolithikum bis ins Mittelalter (im Museum für Islamische Kunst bis in die Neuzeit) umgreift, ist die Materialfülle der einzelnen Sammlungen getreu dem Prinzip "weniger ist mehr" überschaubar gehalten worden. Diese Beschränkung trägt auch der Besucherstruktur Rechnung, die weniger von Fachpublikum, sondern von touristischen Besuchern geprägt ist.
 
Raum und Objekt
Ein ganzes Jahrzehnt stand für den Wiederaufbau des Neuen Museums zur Verfügung. In einem intensiven Dialog zwischen Planern und Nutzern wurden die museologischen Konzepte und die architektonischen und denkmalpflegerischen Gegebenheiten aufeinander abgestimmt. Wo immer möglich, nimmt das Ausstellungskonzept auf die historischen Räume Bezug. Der "Vaterländische Saal" mit seinen Wandbildern aus der germanischen Sagenwelt bildet den Rahmen für die Einführung in die Vor- und Frühgeschichte, und die nach Pharaonengräbern und ptolemäischen Tempeln entworfenen Bilder des "Mythologischen Saals" sind der Hintergrund für "Ägyptomanie - Ägyptologie". Die großformatigen Ansichten von Karnak. Edfu, Philae und Abu Simbel - Reste eines 14-teiligen Bildprogramms - geben für den "Ägyptischen Hof" das Thema "Tempel" vor, das in Reliefzyklen aus dem Sonnentempel von Abu Gurob, aus Deir el-Bahari und Karnak seine Umsetzung in altägyptischen Originalen findet. Die Apollo-Nische mit ihren Tier- und Pflanzenmotiven ist der ideale Ort für den Altar des Sonnengottes Aton aus Amarna, der sich in seiner Schöpfung manifestiert.
Generell bildet das Neue Museum in seiner von David Chipperfield und Julian Harrap konzipierten Bewahrung des originalen Bestandes und Vermeidung der Rekonstruktion ein archäologisches Denkmal des 19. Jahrhunderts, das ein stimmiges Ambiente für die archäologische Hinterlassenschaft des Altertums schafft.
In idealer Weise korrespondieren Architektur und Ausstellungskonzept im "Ägyptischen Hof". Durch die Anhebung des Bodenniveaus ins Obergeschoß bietet sich ein Blick hinunter in "Jenseits und Ewigkeit", eine Unterwelt, auf deren Sarkophage von allen Seiten Licht strömt. Zwei Stockwerke höher schafft die von transluzenten Glaswänden umgebene Plattform den fast schwerelosen Raum für die Porträtköpfe der Königsfamilie um Echnaton und Nofretete.
Die Neubauräume des Nordwestquadranten boten die Möglichkeit, ein differenziertes Beleuchtungssystem zu installieren, das nach den Vorgaben der Nutzer entwickelt wurde. Hier stehen im Themenraum "Ewiges Diesseits" im Erdgeschoß drei Grabkammern der Pyramidenzeit, deren Wandreliefs nur in extremem Streiflicht zur Geltung kommen. Die hohen Anforderungen an die Beleuchtungstechnik bei der Präsentation von Skulpturen sind im Skulpturensaal im 1. Obergeschoß optimal verwirklicht.
Das Zusammenwirken von Raum und Objekt führt aber auch dazu, der Architektur David Chipperfields die ihr gebührende Reverenz zu erweisen und gänzlich auf museale Bespielung zu verzichten. In der autonomen Architektur der Treppenhalle träte jedes Ausstellungsobjekt in eine wenig glückliche Konkurrenzsituation. Nach Vollendung der Treppenhalle wurde alsbald klar, dass das ursprüngliche Konzept, hier die Büste der Nofretete zu positionieren, revidiert werden musste. Nofretetes endgültiger Standort, der Nordkuppelsaal, unterstreicht das Zusammenwirken von Raum und Konzept: Der Blick der Sonnenkönigin durchmißt die ganze Raumflucht vom Niobidensaal über den Bacchussaal und den Römischen Saal bis in die Südkuppel und trifft dort auf die spätrömische Kolossalstatue des Sonnengottes Helios aus dem Serapeum in Alexandria, ein Objekt der Antikensammlung, das im Themenbereich Römische Provinzen des Museums für Vor- und Frühgeschichte steht.
 
Ägyptisches Museum und Papyrussammlung
Die Gliederung der Ausstellung folgt nicht der in vielen Museen ägyptischer Kultur und Kunst üblichen historischen Struktur, sondern setzt an ihre Stelle eine thematisch determinierte Raumfolge. Der vom Leit- und Informationssystem empfohlene Rundgang führt vom Vestibül zu "Ägyptomanie - Ägyptologie", wo unter der bauzeitlichen ägyptisierenden Deckenmalerei die Wiederentdeckung Altägyptens dargestellt wird. Nach dieser Einstimmung bildet "Pharao" die erste Begegnung mit den Meisterwerken der altägyptischen Skulptur. Anschließend vermittelt "Drei Jahrtausende" in einer Abfolge von Porträtköpfen vom Alten Reich bis in die Römerzeit einen Eindruck von der historischen Dimension Altägyptens; hoch an die Wände projizierte Jahreszahlen liefern das chronologische Gerüst. "Ewiges Diesseits" ist mit den ausführlichen Bildfolgen der Grabkammern, den Reliefs und Stelen vom Alten bis zum Neuen Reich gleichzeitig eine Kulturgeschichte Ägyptens und eine Dokumentation des Glaubens an ein ewiges Leben. "Tempel" als Thema der Galerie um den Ägyptischen Hof verbindet die bauzeitlichen Wandbilder mit den Reliefs vom Alten Reich bis zur Ptolemäerzeit zu einem ägyptischen Weltmodell.
Zwischen zwei Löwenfiguren, um 1875 in Berlin geschaffenen Repliken der in Rom an der Treppe zum Kapitol liegenden Originale der Ptolemäerzeit, führt der Rundgang vom Vestibül über die monumentale Treppenhalle ins Obergeschoß. Eilige Besucher werden diesen direkten, deutlich ausgeschilderten Weg zu Nofretete wählen. Er führt zunächst in den Saal "Skulptur". In fünf Gruppen ist die formale Typologie der Darstellung des Menschen gegliedert, jede von ihnen in sich historisch strukturiert. Vor dem Hintergrund der typologischen Kontinuität wird die stilistische Evolution der ägyptischen Kunst sichtbar, und jede Skulptur entwickelt in einer eignen Vitrine oder einem "Käfig" ihr plstisches Volumen und ihre virtuelle Bewegung. "Amarna" führt mit Teje, Amenophis III. und den Funden der Berliner Amarna-Expedition zu "Echnaton und Nofretete", den Porträtköpfen der Königsfamilie, für die David Chipperfield einen sakralen Raum geschaffen hat, der zu einer intensiven Begegnung mit den Protagonisten der monotheistischen Revolution der Sonnenreligion des Aton einlädt. In einem Nebenraum zieht der "Spaziergang im Garten" die Blicke auf sich, die Reliefdarstellung des Tutanchamun mit Anchesenamun, der Tochter Echnatons und der Nofretete.
"Die" Nofretete hat ihren würdigen Platz im Nordkuppelsaal gefunden, einem wahren Thronsaal der "Ständigen Vertreterin Ägyptens in Deutschland", zu der sie der ägyptische Botschafter Mohamed Al Orabi ernannt hat. Es ist die eindrucksvollste Präsentation, die dieses Meisterwerk ägyptischer Kunst jemals erfahren hat, vom Bildhaueratelier in Amarna über die Villa des Grabungssponsors James Simon in der Tiergartenstraße, der die Büste durch die Fundteilung erhalten und 1920 den Staalichen Museen als Schenkung übereignet hatte, den nachträglich ins Neue Museum eingefügten Amarna-Raum, die Evakuierung in die Bergwerksstollen im thüringischen Merkers, den Central Collecting Point in Frankfurt, das Landesmuseum Wiesbaden, die Rückkehr nach Berlin-Dahlem, das Ägyptische Museum in Charlottenburg und die Zwischenstationen im Kulturforum und im Alten Museum, wo sie kurz vor ihrem Einzug in den Nordkuppelsaal im Sommer 2009 für wenige Monate der anderen großen Frauenpersönlichkeit der ägyptischen Geschichte Aug in Aug(en) gegenüberstand, Kleopatra.
Der Ägypten-Rundgang im 1. Obergeschoß des Neuen Museums findet seinen Abschluß in der "Bibliothek der Antike". Sie hat ihren Platz im Niobidensaal, der in seinem ausgezeichneten Erhaltungszustand ein Ausstellungsobjekt eigener Wertigkeit darstellt. In vier lange Tische, die sich dem Raum harmonisch einfügen, sind auf übereinander angeordneten Schiebeböden Textzeugnisse aus fünf Jahrtausenden zu sehen, Papyri, Ostraka, Pergamente, Codices, illuminierte Handschriften in allen Schriften und Sprachen des Orients von den Abusir-Papyri um 2300 v. Chr. und den altägyptischen Klassikern wie Sinuhe über die griechischen Autoren, das Alte und Neue Testament bis zu Koran-Handschriften des Mittelalters. Sie zeigen einen repräsentativen Querschnitt durch die reichen Bestände der Papyrussammlung. Dazu kommen Keilschrifttafeln des Vorderasiatischen Museums und illuminierte arabische Codices des Museums für Islamische Kunst.
"Staunliches waltet viel, doch ncihts Erstaunlichres als der Mensch" steht über der Tür, die vom Niobidensaal in den Bacchussaal führt - geradezu ein Motto der "Bibliothek der Antike".
Die "side-galleries" des Ägyptischen Museums mit deen Themen der Kultur- und Religionsgeschichte sind beiderseits der Archäologischen Promenade in den Gewölberäumen der Ebene 0 angeordnet. "Alltagswelt" und "Lebensraum Niltal" geben in Großraumvitrinen einen Einblick in die Lebenswelt des alten Ägypten. "Götterwelt" positioniert entlang dem Nillauf die tier-, menschen- und mischgestaltigen Bronzefiguren altägyptischer Götter. Die "Jenseitswelt", unmittelbar neben "Jenseits und Ewigkeit" der Archäologischen Promenade gelegen, zeigt in vollständigen Grabensembles des Mittleren Reiches, der Spätzeit und der römischen Kaiserzeit die Kontinuität der Jenseitsvorstellungen und den Wandel ihrer künstlerischen Äußerungsformen.
Das Highlight der Ebene 0 ist der "Antike Sudan". Die preußische Niltal-Expedition 1842-1845 brachte eine reiche Sammlung sudanesischer Altertümer nach Berlin. Ihren besonderen Charakter erhält diese Abteilung jedoch durch die langfristige Leihgabe von Reliefblöcken eines meroitischen Tempels, den eine Expedition des Ägyptischen Museums Berlin in den Jahren 2005 bis 2009 in der meroitischen Stadt Naga ausgegraben hat. Drei Segmente der Tempelreliefs bilden ein außerhalb des Sudan einzigartiges Zeugnis der Kunst einer Region, die die Brücke zwischen Afrika und der Mittelmeerwelt bildet.
Das monumentale Ägypten findet im Neuen Museum keinen Platz. Der Säulenhof des Pyramidentempels des Sahurê, das Tempeltor aus Kalabscha, eine Schenkung der Arabischen Republik Ägypten an Deutschland, der Obelisk Ramses' II., der Torso einer Kolossalstatue des Tutanchamun werden erst um 2025 im vierten Flügel des Pergamonmuseums den ägyptischen Part in der einzigartigen Präsentation der Monumentalarchitektur der Antike übernehmen.
   

Zukünftiger Standort II: Pergamonmuseum

Die Schaffung eines geschlossenen Rundgangs auf beiden Ausstellungsebenen sowie die Anbindung an die Archäologische Promenade und das Neue Eingangsgebäude waren im Jahr 2000 die Aufgaben eines Architektenwettbewerbs, als dessen Preisträger O. M. Ungers (Köln) hervorging. Er schlägt eine Erschließung der Basisebene unter dem Forum vor und einen transparenten vierten Flügel für das Pergamonmuseum am Kupfergraben, in dem die derzeit ausgelagerte ägyptische Monumentalarchitektur präsentiert werden wird. Seit 2003 befindet sich dieses Projekt in der konkreten Planungsphase.
Last updates: text (09.03.10), pictures (06.02.10)
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